Küche, das war einst ein Ort, den man lieber versteckte. In Stadtpalais und Patrizierhäusern gehörte die Küche noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Keller. Hier kochte das Personal und die fertigen Gerichte wurden mit einem eigens eingebauten kleinen Aufzug in den Speisesaal der Herrschaften nach oben befördert. Die Herrin des Hauses ließ sich in der Küche nur höchst selten blicken; kein Wunder, dass auf deren Gestaltung keine große Energie verwandt wurde. Alles hatte einfach und zweckmäßig zu sein.

Welch enormer Wandel, wenn man vergleicht, was Architekten heute zum Thema „Küche“ erdenken und gestalten. Werfen wir einen Blick in eines der modernsten Wohngebäude, den Marco Polo Tower in der Hamburger HafenCity. Der besondere Reiz der Wohnungen besteht in riesigen Glasflächen, die einen spektakulären Panorama-Blick über die Elbe gestatten. Große Balkons gehen fast nahtlos in die Wohnräume über. Der Architekt und Designer Davide Rizzo hat hier ein Maisonette-Appartement über zwei Ebenen gestaltet. Unten befinden sich Wohn- und Essbereich. Besser gesagt: Ess- und Wohnbereich, denn Rizzo geht davon aus, dass Kochen und Essen einen Platz „in der ersten Reihe“, also vorn an der Fensterfront verdient haben. Hier, so ist er überzeugt, wird man sich mit Freunden am großen Esstisch versammeln und den Elbblick gemeinsam genießen. Die klassische Sitzgruppe wandert dagegen in den Hintergrund.

Den Esstisch bildet eine riesige Corian-Platte, in die auch der Herd bündig integriert ist. Sogar der verglaste Kamin wurde in den Essbereich verlegt. Hier soll sich folglich das Zentrum der Wohnung und des gemütlichen Beisammenseins etablieren.

Auch Philippe Starck integriert Küchen so in den Wohnbereich, dass sie erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar sind. Klassische Elemente, wie zum Beispiel die vertraute Bibliothek, umrahmen Küchenschränke und -geräte so harmonisch, dass man sich in „der guten Stube“ wähnt. Welch ein Unterschied zur Einbauküche im abgetrennten Raum, die sich seit den Zwanziger Jahren mehr und mehr durchgesetzt hatte.

Die Trennung der einzelnen Bereiche wird mehr und mehr aufgehoben; alles geht fließend ineinander über. Für Warendorf hat Starck jetzt eine Küche gestaltet, die sich selbst in schloßartigen Altbausalons zwischen Stuck und Antiquitäten nicht als Fremdkörper ausnimmt. Vielmehr identifiziert man sie erst bei genauem Hinsehen als solche. Hier noch von einer „Wohnküche“ zu sprechen, wäre krasses Understatement.

Laut Statistik werden Küchen in Neubauten ohnehin von Jahr zu Jahr größer. Folglich liegt es nahe, Wände wegzulassen, die Sphären einfach ineinander übergehen zu lassen. Technischer Fortschritt ist der Schlüssel dazu, denn erst seit Lüftungssysteme Gerüche perfekt absaugen und Geschirrspüler flüsterleise arbeiten, ist diese Form der Raumintegration zumutbar geworden.

Quasi unter der Hand verraten namhafte Küchenplaner, warum manche Luxusküchen gar nicht so funktional sein müssen: Vielen Singles dient die Kücheneinrichtung primär als beeindruckender Blickfang. Sie freuen sich, sie als Prestigeobjekt vorführen zu können, das Essen kommt jedoch vom Catering-Service.